05. Dezember 2011

Integration: Alle jungen Leute werden gebraucht

Politiker und Experten einig: Bildung ist der Schlüssel

Von Frank Schmälzle

 

„MINT meets Migration“ – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik treffen Menschen mit Migrationshintergrund. Dieses Spannungsfeld beleuchteten Politiker und Bildungsexperten bei einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Naumann-Stiftung und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge am Donnerstagabend in der Industrie- und Handelskammer. Tenor dabei: Man kann gar nicht früh genug damit anfangen, Interesse für die MINT-Fächer zu wecken.

Er sei stolz, ein Bayer zu sein. Und er habe sich auch ganz bewusst für ein Studium in Bayreuth entschieden, sagt Osman Yilmaz an diesem Abend. Mit der bayerischen Bildungspolitik hat der türkischstämmige Vorsitzende der Fachschaft Recht und Wirtschaft der Uni Bayreuth allerdings so seine Probleme – gerade auch wenn es darum geht, Migranten mit Bildung, mit Naturwissenschaften zusammenzubringen. Das jüngst im Freistaat beschlossene Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder im frühen Vorschulalter nicht in einer Betreuungs- und damit in eine frühkindliche Bildungseinrichtung geben, stößt ihm sauer auf: „Die Kleinen sollen offenbar am besten zu Hause bleiben“, stellt Yilmaz fest und schimpft: „Das Betreuungsgeld setzt einen komplett falschen Anreiz.“

Kritik am Betreuungsgeld

Das sehen viele im Saal ähnlich – und auch Oberbürgermeister Michael Hohl räumt ein, dass er mit dieser Entscheidung seiner Parteifreunde auf Landesebene alles andere als glücklich ist. „Das Betreuungsgeld finde ich auch nicht wirklich gut.“ Generalkritik am bayerischen Bildungssystem will Hohl, der in den 70er Jahren zur Schule ging und sich selbst einen „Reformschüler“ nennt, aber nicht gelten lassen. Gemeinsam mit Baden-Württemberg liege Bayern an der Spitze nahezu aller Bildungsvergleiche, an der Spitze des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgs. „Dann kann ja wohl nicht alles falsch sein.“ Nachsteuern, wo es nötig ist – ja. Weiteres Herumexperimentieren am System – nein. So sieht es Hohl.

Schützenhilfe bekommt er von Prof. Peter Baptist, Leiter des Zentrums zur Förderung des naturwissenschaftlich-technischen Unterrichts an der Uni Bayreuth. Der bringt’s auf einen kurzen Nenner: „Es liegt an den Lehrern. Sind die gut, ist das System zweitrangig.“

Die Kindergärten stärken

Bei der FDP spricht man weniger gern vom Betreuungsgeld. Dafür um so lieber vom Einstieg in das kostenfreie letzte Kindergartenjahr, zu dem man den Koalitionspartner in diesen Tagen bewegt habe. Thomas Hacker, Fraktionsvorsitzender der FDP im Landtag, zeigt sich an diesem Abend Statistik-sicher: 96,8 Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund besuchen einen Kindergarten, bei Kindern mit Migrationshintergrund liegt der Anteil bei etwa 74 Prozent. „Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um den Kindergarten als frühe Bildungseinrichtung weiter zu stärken“, fordert Hacker und will, nachdem jetzt auch zusätzliches Personal für die Kitas beschlossen ist, noch mehr: Einen höheren Anteil von berufstätigen Frauen in den Familien mit Migrationshintergrund. Und mehr Männer in die Grundschulen, damit gerade die Jungen männliche Bezugspersonen haben, die mehr Begeisterung für die MINT-Fächer wecken können.

Warum das nottut? „In Zukunft wird es Schulklassen geben, in denen der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund bei über der Hälfte liegt“, sagt der FDP-Politiker. „Also sollten wir die Kinder so früh wie möglich erreichen.“

Das würde Bernd Rehorz, Leiter des Bereichs der Beruflichen Bildung an der IHK Bayreuth, sofort unterschreiben – wenn auch mit einem besonderen Impetus: „Der Schlüssel zum Erfolg ist die deutsche Sprache.“ Die muss sitzen, denn in Zeiten des demografischen Wandels und des aufziehenden Fachkräftemangels werden alle jungen Leute gebraucht. Oder wie Rehorz es formuliert: „Wir können niemanden links liegen lassen.“

Nordbayerischer Kurier vom Samstag, 3. Dezember 2011, Seite 21

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